20.01.2013 — Obwohl sie sich oft hätten treffen können in Paris, Wien, München, Bologna, sind sie sich geflissentlich aus dem Weg gegangen – zu verschieden galten ihnen Herkunft, Charakter und künstlerische Vorstellungen. Auch wenn Wagner 1875 Verdis Requiem in Wien gehört und Verdi Partituren einiger Wagner-Opern besessen hat, hielten sie keine grossen Stücke voneinander, und ihre Anhängerschaft bestärkte sie in der Rolle von Rivalen.
Wieviel den Deutschen und den Italiener, beide Ehrenbürger Bolognas, ausser dem Geburtsjahr 1813, dem Beruf, dem gleichen Jahr ihrer ersten Verehelichung, der Leidenschaft, die sie für Dantes Dichtung empfanden, und den persönlichen und künstlerischen Tiefschlägen und Höhenflügen verbindet, deckt Eberhard Straub in seiner Doppelbiografie auf. Ihr Untertitel ist Programm: «Zwei Europäer im 19. Jahrhundert».
Distanz verschafft Überblick, lässt grössere Zusammenhänge hervortreten: Eberhard Straub – Historiker, Journalist, Autor u. a. des Buchs «Die Furtwänglers» – nimmt Abstand und gewinnt dadurch Nähe zu den Protagonisten, zu deren Zeitgenossen, zum Zeitgeist in einem vielgestaltigen Europa, in dem sich die italienische Einigung und die Gründung des Deutschen Reichs vollzogen. Straub zeichnet das facettenreiche Porträt zweier Genies, eines grossen Jahrhunderts der europäischen Oper und radikaler politischer, sozialer und künstlerischer Umbrüche.
Wie Wagner, der Revoluzzer und politisch Verfolgte, wie Verdi, der «Bauer von Roncole», auf die Bedingungen und geistigen Strömungen ihrer Gegenwart, auf Einflüsse von Komponisten, Dichtern, Malern, Philosophen, Theologen, Wissenschaftlern, Politikern, Agitatoren reagierten, ihre ästhetischen Positionen in ihrem Schaffen entwickelten und differenzierten, schildert Straub in essayistisch geschliffenem Stil.
Es geht um die Unterschiede in Charakter und Lebensentwürfen: «Wagner schrieb viel zu Staat, Kunst und Politik. Aber abgesehen von den turbulenten Tagen in der Revolution 1848/49 lebte und arbeitete er als Privatmann und Künstler. Er glaubte der Gesellschaft zu dienen, wenn er ihr seine Werke vermachte. Verdi hingegen führte eine Doppelexistenz: er war Künstler, politischer Bürger und Wirtschaftsbürger.» (Seite 267)
Es geht nicht weniger auch um die Gemeinsamkeiten der staatsmännisch denkenden Künstler, ihre Weltanschauungen, um die gesellschaftliche Brisanz ihrer Werke, um Selbstinszenierung und Vereinnahmungen Wagners und Verdis, um Inhalte, Rezeption und Nachwirkung ihres Schaffens. (Übrigens: Führend in den Opernhäusern unter den Nationalsozialisten war nicht Wagner, sondern Verdi.)
Den plastischen farbenreichen Hintergrund dieser sich durchdringenden, klug disponierten Biografien bilden die Strukturen, Entwicklungen und Verwerfungen des 19. Jahrhunderts, die tonangebenden Zentren und deren Exponenten und Institutionen in Deutschland, Italien und Frankreich: eine materialreiche, psychologisch sensibel ausgeleuchtete und spannend erzählte europäische Geistes- und Kulturgeschichte, eine anregende, vielschichtige Lektüre zum Jubiläumsjahr Wagners und Verdis.
Zitat aus dem Buch:
«Wagner und Verdi galten 1901 vielen Musikschriftstellern nicht mehr als Antipoden, sondern als Zeitgenossen, die kongenial auf unbestimmte Forderungen nach einer Opernreform reagierten. Der Unterschied ergab sich dann aus der anderen Herkunft, aus gleichberechtigten italienischen und deutschen Traditionen. Das aber machte sie nicht zu Gegnern, vielmehr fanden sie zu je eigenem Ausdruck eines allgemeinen Verlangens nach dramatischer Wahrheit.» (Seite 309)
(ws)
Eberhard Straub: Wagner und Verdi. Zwei Europäer im 19. Jahrhundert. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2012. 352 Seiten mit 17 Abbildungen. € 24,95. Fr. 34.90.