01.11.2010 — «Allweil lustig, fesch und munter, / Denn der Weaner geht net unter.» (Refrain eines Wienerlieds, anonym, 1880) Der Wiener in seinem «anzigen, goldenen Wean» hat’s anscheinend seit alters gern fröhlich und weinselig, wobei Lustigkeit, Hamur (Humor) und Ironie die Spannung zwischen trübem Alltag und unausweichlichem Hinschied überwölbt. Von selbst versteht sich da, dass die Heimatstadt am blauen Donaustrom ein gmüatliches Schuckkasterl ist, gar ein Stückerl vom Paradies sein muss, «…a Sternderl vom Himmel, / Das nur vom Herrgott kann sein».
Ein deutscher Professor, der in Münster (Westfalen) lehrende Literaturwissenschaftler Jürgen Hein, hat seine innige Beziehung zum Wienerischen in Publikationen über Raimund, Nestroy und das Wiener Volkstheater bewiesen. Nun liegt auch seine vor acht Jahren erstmals publizierte Sammlung von Wienerliedern in festem Einband wieder vor.
Aus den auf über zehntausend geschätzten Donaumetropole-Liedern hat Hein 64 «Klassiker» ausgewählt, chronologisch geordnet von «Ei, du lieber Augustin» (1679) bis zu Peter Wehle, Gerhard Bronner, Georg Kreisler, Hans Weigel und André Heller. Den Texten beigefügt sind, wo bekannt, Autor und Komponist samt ihren Lebensdaten.
Da wogen Gefühle durcheinander, werden Erinnerungen beschworen an die goldene Zeit, an Grinzing, Sievering, den Kahlenberg, den Prater und den Steffel (den Stefansdom), an Walzer von Strauß und Lanner, den Heurigen, das Flascherl Wein samt Räuscherl, die Schrammeln und die Fiaka, den blühenden Flieder, die süssen Madeln und die alten Sünder, an G’müatlichkeit und Weana Schmäh.
Im Zusammenklang formt sich ein bewegtes buntes Potpourri wienerischer Befindlichkeiten, Psychogramme von Originalen mit Wurzeln in der goldenen Zeit der Monarchie, den Sinnen in der Gegenwart und der festen Hoffnung, dass in Zukunft alleweil alles bleibt, wie’s war und ist.
Mit kenntnisreichem Nachwort zu Herkunft und Wesen des Wienerlieds, mit aktualisierten Literaturhinweisen, einer Auswahldiskographie, dem Gedichtverzeichnis und – für patscherte Eindringlinge unverzichtbar zum Entschlüsseln des lokalen Idioms – mit einem Glossar öffnet Hein das Verständnis für den Beitrag der Volkssänger und -sängerinnen zum Wien-Mythos.
Zitat aus dem Buch:
«Das Wienerlied lebt in Kontrafaktur und Parodie oder auch in ungebrochener Wiederholung weiter, Satire und Verhöhnung als Kitsch haben ihm nichts anhaben können, eher die Liebe verstärkt, wie zahlreiche Lieder-Alben und Tonaufzeichnungen beweisen. Einige der bekanntesten Lieder sind gewissermaßen Volkslieder geworden. Zuletzt hat das Wienerlied gar das Forschungsinteresse von Musik- und Literaturwissenschaft geweckt.» (Nachwort, Seite 109)
(ws)
Wienerlieder. Von Raimund bis Georg Kreisler. Herausgegeben von Jürgen Hein. Verlag Philipp Reclam, Stuttgart 2010. 136 Seiten. € 6,90. Fr. 11.50.