Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Soziale Megatrends im Musikjahr 2013

Porträt Wolfgang Böhler27.12.2013 — Wolfgang Böhler— Was hat das Musikjahr 2013 gebracht? Viel Wagner und etwas weniger, aber auch immer noch viel Verdi (es waren die wichtigsten Gedenkjahre), und damit noch mehr Aufmerksamkeit für die bürgerliche Glamour-Kunstform Oper. In der Klassikbranche zieht sie ohnehin schon am meisten Aufmerksamkeit und Geld auf sich. Wirren um die grossen Opernzentren Bayreuth, Mailand (und um Nebenschauplätze wie das Aus für die New York City Opera) haben das Ihrige dazu beigetragen. Mittlerweile drängt das globale Operngeschäft sogar in die Kinosäle der Welt. Zu viel Beachtung für eine im Grunde genommen anachronistische Musikform? Das bleibt wohl Geschmackssache. 

Opern sind mehr und mehr mit Festivals verbunden, und diese laufen den städtischen Orchestern und ihren Aboreihen zunehmend den Rang ab. Müsste man einen Megatrend des Jahres benennen, dann wohl diesen: die hochsubventionierten städtischen Sinfonieorchester, in Deutschland auch die Rundfunk-Klangkörper, geraten im stärker unter Druck. Dabei zeigt sich ein ähnlich verwirrliches Bild wie im Falle der physischen Tonträger: Ihre grosse Zeit scheint einerseits vorbei, andererseits gibt es immer mehr davon. Die traditionellen Orchester sehen sich mehr und mehr der Konkurrenz unabhängiger Orchester gegenüber, von denen immer mehr gegründet werden. Die Krise ist also nicht bloss eine solche des Zuwenig (an Subventionen und Abonnenten), sondern auch eine des Zuviel (an Spezial- und Genreorchestern). 

In der Schweiz haben wir in den letzten Jahren etwa die Wirren um das Musikkollegium Winterthur erlebt, den Existenzkampf des Orchestra della Svizzera Italiana und die Emanzipation des Sinfonierchesters Basel von der Allgemeinen Musikgesellschaft. In Bern sind die Theater (Biel/Solothurn und Bern) mit den Orchestern zusammengelegt worden. Die städtischen Orchester sind immer noch auf der Suche nach neuen Identitäten. Auch da schimmert ein Megatrend durch: Immer weniger Bürger sind bereit, Kulturarbeit als tägliches Brot und Beitrag zur gesellschaftlichen Kohäsion zu verstehen. Konjunktur haben kurzfristige Projektarbeiten mit unverbindlichem Erlebnischarakter. Die traditionellen Dorf- und Quartiermusikvereine kämpfen ums Überleben, den Orchestern brechen die Abonnenten weg. Es sind Symptome der gleichen gesellschaftlichen Dynamik: Niemand will sich mehr längerfristig binden und Verantwortung übernehmen. 

Was ist falsch gelaufen? Vereine und traditionelle Kulturinstitutionen haben es möglicherweise versäumt, wichtige Gruppen, die gesellschaftlich mehr Gewicht erhalten haben, zu integrieren: Vor allem Migranten und Jugendliche bleiben aussen vor, dabei könnte gerade diesen Entscheidendes geboten werden. Wie mancher hat dank dem Dorfverein ein Instrument lernen können, der es sich sonst eigentlich nicht hätte leisten können? Wie unendlich wichtig sind die Vereine für die dörfliche Identität, das Heimatgefühl, wie unerlässlich die Stadttheater und Orchester für das Wecken der Begeisterung und den Vorbildcharakter in Sachen handwerklich-ästhetischer Exzellenz! 

Die Vereine haben sich zu wenig geöffnet; «Volkstümlichkeit» wiederum gilt in manchem westeuropäischem Theater und Konzerthaus aber leider immer noch als reaktionär, ein um sich selber kreisender Elite-, Verweigerungs- und Provokationsgestus immer noch als scheinbares Kennzeichen ästhetischer Relevanz. Das oberste Ziel von Vereinen und Kunststätten müsste es aber sein, sich bedingungslos für eine offene, tolerante und lebendige  Gesellschaft einzusetzen, indem sie Kulturschaffenden Infrastukturen und handwerkliche Kompetenz zu Verfügung stellen ‒ ohne mit falschem Sendungsbewusstsein Werte und Inhalte propagieren zu wollen.

Schreibe einen Kommentar