Von Wolfgang Böhler
07.02.2014 — Der als Gigantismus empfundene Stil der jüngeren Olympischen Spiele ist eine Folge der Globalisierung: Damit etwas überhaupt noch als singuläres Ereignis wahrgenommen werden könne, müsse es alle bisherigen Grenzen sprengen ‒ meint man. Das Spektakel droht allerdings das, worum es eigentlich geht, mehr und mehr in den Hintergrund zu rücken. Die mediengenerierte Nähe des Ereignisses führt dazu, dass sich auch lokal Sportler an der Weltklasse messen und deren Resultate als Ziele vor Augen haben. Damit lässt sich leben. Sport ist eine leistungs- und wettbewerbsorientierte Sache. Eine bestimmte Strecke läuft man in einer bestimmten Zeit, egal in welcher Kultur, man aufgewachsen ist, einen bestimmten Gegenstand wirft man überall weiter oder weniger weit. Allerdings können durch die Kanalisierung der Aufmerksamkeit auf globale Interessen lokale Sportarten verloren gehen. Das bedeutet tendenziell eine Verarmung sozialer und kultureller Vielfalt
Auch in der Musik führt die Globalisierung dazu, dass die Spitzenereignisse wie die einschlägigen Festspiele von Klassik und Oper oder die globalen Shows von populären Stars zu Übergrössen wachsen müssen, um als aussergewöhnlich wahrgenommen zu werden. Auch da orientieren sich lokale Musiker an der Weltklasse ‒ allerdings mit fataleren Folgen als im Sport, denn Spitzenleistungen in der Musik bewegen sich nicht in einem uniformen Bereich, oder würden es nicht, wenn lokale Kulturen die Möglichkeit hätte, sich unbeeinflusst zu entwickeln. Musikalische Spitzenleistungen bedeuten auf einer Shakuhachi etwas ganz anderes, als auf einem Djémbe, einer Sarod oder einer Stradivari.
Solche wichtige Vielfalt droht durch die weltweite Vernetzung verloren zu gehen: lokale Kleinräume, in denen sich vor allem volksnahe musikalische Ausdruckweisen über längere Zeiträume zu grossartigen Kunstformen entwickeln konnten ‒ komplexe polyphone Gesänge mit ganz eigener Expressivität, Musik- und Puppentheater, eine Instrumentenvielfalt mit lebendigen, hochstehenden lokalen Virtuosenschulen ‒ trocknen aus.
Interessanterweise hat aber eine Vielfalt musikalischer Äusserungen auch eine weniger günstige Seite: Lokale Kulturen neigen in Sachen klingender Kunst nicht zum Dialog, sondern zur Segregation. Das musste etwa ein Musikschulleiter erfahren, der mit bester Absicht an seiner Schule den Unterricht «ethnischer» Instrumente einführen wollte, nur um festzustellen, dass die Pflege dieser häufig mit Ritualen wie Hochzeiten, Beerdigungen oder sakraler Ereignisse eng verbundenen Spielpraktiken in mehr oder weniger geschlossenem Kreis weitergegeben werden. Musikkulturelle Vielfalt hat einen Januskopf: Varietät der Ausdrucksformen bedeutet auch Tendenz zur gegenseitigen Abschottung.
Die Olympischen Spiele des Sportes haben allen Problemen zum Trotz eine hohe integrative Wirkung, ohne zu einer dramatischen Verarmung der Vielfalt zu führen. Sie nehmen neue Sportarten auf, in lokalen Sportdachverbänden finden auch «exotische» Disziplinen (bei Swiss Olympic, dem Dachverband der Schweizer Sportverbände, etwa auch Majoretten, Hornusser, Tauzieher oder Twirling Baton) Unterschlupf. Eine sinnvolle Form «Olympischer Spiele der Musik» mit ähnlich integrativem Charakter bei gleichzeitiger Wahrung der Vielfalt ist bis jetzt nicht entwickelt worden. Wer Musizieren immer mit Förderung von Sozialkompetenz und emotionaler Intelligenz und Sport mit Aggressionen und Egoismus assoziiert, sollte sich darüber mal Gedanken machen…