von Wolfgang Böhler
04.04.2014 — Das Kölner Büro für Kulturwirtschaftsforschung des Kultursoziologen Michael Söndermann (er ist auch Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste), respektive der deutsche Arbeitskreis für Kulturstatistik (ARKStat) hat für eine Tagung zu Kulturberufen im niedersächsischen Loccum Daten und empirische Befunde zusammengestellt ‒ über die Einkommenssituation deutscher Künstler. Die Zahlen bestätigen zunächst, was man bereits weiss: Die Hälfte der Künstler hat (in Deutschland) ein durchschnittliches monatliches Nettoeinkommen zwischen 1100 und 2000 Euro. Bloss 8 Prozent verdienen monatlich mehr als 3200 Euro netto, ein Viertel 900 Euro und weniger. Sie sind damit ‒ dies eine Einsicht der Zahlen ‒ aber nicht alleine: In sozialen Berufen ist die Verdienstpyramide vergleichbar oder gar leicht nach unten breiter. Das Einkommen der erwerbstätigen Künstler unterscheidet sich sogar im Vergleich zur gesamten Erwerbstätigkeit der Bevölkerung nicht so dramatisch, dass man allgemein von einem Dasein als Underdogs sprechen könnte.
von Wolfgang Böhler
04.04.2014 — Das Kölner Büro für Kulturwirtschaftsforschung des Kultursoziologen Michael Söndermann (er ist auch Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste), respektive der deutsche Arbeitskreis für Kulturstatistik (ARKStat) hat für eine Tagung zu Kulturberufen im niedersächsischen Loccum Daten und empirische Befunde zusammengestellt ‒ über die Einkommenssituation deutscher Künstler. Die Zahlen bestätigen zunächst, was man bereits weiss: Die Hälfte der Künstler hat (in Deutschland) ein durchschnittliches monatliches Nettoeinkommen zwischen 1100 und 2000 Euro. Bloss 8 Prozent verdienen monatlich mehr als 3200 Euro netto, ein Viertel 900 Euro und weniger. Sie sind damit ‒ dies eine Einsicht der Zahlen ‒ aber nicht alleine: In sozialen Berufen ist die Verdienstpyramide vergleichbar oder gar leicht nach unten breiter. Das Einkommen der erwerbstätigen Künstler unterscheidet sich sogar im Vergleich zur gesamten Erwerbstätigkeit der Bevölkerung nicht so dramatisch, dass man allgemein von einem Dasein als Underdogs sprechen könnte.
Kulturberufe sind trotz der bescheidenen Verdienstaussichten ungebrochen attraktiv. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen ist von 1993 auf 2011 von 2,2 auf 3,6 Prozent gestiegen, wobei überproportional mehr Frauen als Männer in die kreativen Berufe drängen. Auch der Anteil der Selbständigen in den künstlerischen Berufen steigt deutlich.
Wer eine Existenz als Kreativer oder gar als freier Künstler wählt, tut dies in aller Regel (es gibt wenige Ausnahmen) freiwillig, mit dem Ziel persönlicher Selbstverwirklichung. Wer sich als Arbeiterin oder Arbeiter Putzkolonnen anschliesst, beim Grossverteiler Regale auffüllt oder in Altersheimen harte Arbeit verrichtet, tut dies meist nicht freiwillig, sondern aufgrund mangelnder Alternativen.
Damit wir uns richtig verstehen: Die Wahl einer professionellen Tätigkeit in der Kreativ- und Kulturwirtschaft wider alle ökonomische Vernunft ist in Ordnung, zumindest in der Jugend. Nicht in Ordnung ist es, wenn dabei keine Vorkehrungen getroffen werden, um auch in mittlerem und hohem Alter ein Einkommen zu erwirtschaften, wenn die künstlerische Karriere pekuniär nicht ergiebig ist.
Unbesorgten bleiben dann auch bloss noch die Putzkolonne, die Regale oder harte soziale Arbeit. Wenn die subjektiv empfundene Fallhöhe diese Optionen für manchen zur unzumutbaren Demütigung macht, dann hat die kreative Tätigkeit vermutlich bloss zur mangelnden Persönlichkeitsbildung, sprich Realitätsverweigerung geführt, die für Adoleszente noch in Ordnung ist, bei nicht mehr ganz so jungen aber eher peinlich anmutet.
Im Gegensatz zu Raumpflegern, Altenbetreuerinnen, Detailhandelsangestellten und so weiter haben die Kreativen überdies einen wesentlichen Vorteil: Sie sind kompetent im Umgang mit Medien und ihre Lebensentwürfe wirken so sexy, dass sie gerne medial widerspiegelt werden. Sie gehören also nüchtern betrachtet und im Vergleich zu den zahlreichen, echt prekären Existenzen eher zu den Privilegierten der Gesellschaft, die ihr Leid öffentlich zu beklagen wissen. Man wünschte sich von ihnen gerade deshalb etwas mehr Eigenverantwortung in Sachen Lebensplanung.