von Wolfgang Böhler
18.04.2014 — Die Schweizer Kulturwirtschaft hat mit Blick auf die europäische Zusammenarbeit ein Problem. Die Betonung liegt dabei auf «Kulturwirtschaft». Die Schweizer Kulturschaffenden, insbesondere die Künstler (pardon, Künstlerinnen und Künstler) haben eher keines, oder sollten keines haben. Künstlerische Zusammenarbeit schert sich nicht um Finanzierungsfragen, sie ist ‒ oder sollte zumindest ‒ bloss von der ästhetischen Neugier angefacht werden, und sie sollte sich über implizite oder explizite Lenkungen via institutionelle und staatliche Anerkennungen höchstens entrüsten. Die Schweizer Kulturwirtschaft wird durch die schwieriger gewordene Zusammenarbeit mit dem Umland hingegen deutlich ausgebremst. Sie hat vor allem zwei Motive zum Dialog mit der EU.
18.04.2014 — Die Schweizer Kulturwirtschaft hat mit Blick auf die europäische Zusammenarbeit ein Problem. Die Betonung liegt dabei auf «Kulturwirtschaft». Die Schweizer Kulturschaffenden, insbesondere die Künstler (pardon, Künstlerinnen und Künstler) haben eher keines, oder sollten keines haben. Künstlerische Zusammenarbeit schert sich nicht um Finanzierungsfragen, sie ist ‒ oder sollte zumindest ‒ bloss von der ästhetischen Neugier angefacht werden, und sie sollte sich über implizite oder explizite Lenkungen via institutionelle und staatliche Anerkennungen höchstens entrüsten. Die Schweizer Kulturwirtschaft wird durch die schwieriger gewordene Zusammenarbeit mit dem Umland hingegen deutlich ausgebremst. Sie hat vor allem zwei Motive zum Dialog mit der EU.
Es geht dabei nicht, wie man zunächst meinen könnte, um Geld. Die internationale Zusammenarbeit in Sachen Kultur ist für die Schweiz pekuniär unter dem Strich in etwa ein Nullsummenspiel. Um was es tatsächlich geht, bringt eine Medienmitteilung des Bundes auf den Punkt. Sie berichtet über ein Verhandlungsmandat zur Teilnahme am Kulturförderungsprogramm der EU (siehe dazu auch die Codex-flores-Nachricht). Da steht ziemlich eindeutig: «Das Programm Kultur ist darauf ausgerichtet, die kulturelle und sprachliche Vielfalt sowie das kulturelle Erbe in Europa zu fördern und die Wettbewerbsfähigkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft zu stärken».
Lassen wir die kulturelle und sprachliche Vielfalt mal beiseite, auch wenn man sich fragen kann, ob die Willensnation Schweiz in dieser Hinsicht tatsächlich Defizite hat und wie mit zentralen Fördermassnahmen Vielfalt gefördert werden soll (wir stellen da mal die These in den Raum, dass eine Vielfalt geförderter kultureller Äusserungen direktes Spiegelbild einer Vielfalt der Förderinstitutionen wäre).
Es geht also um wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und das kulturelle Erbe in Europa. Wenn man etwas spitzfindig ist, und wir sind gerade in der Laune dazu, muss man ersteres deuten als «Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Kultur- und Kreativwirtschaften» gegenüber nicht europäischen Kultur- und Kreativwirtschaften. Würde die Schweiz da abseits stehen, wäre sie im Fokus der EU ein nichteuropäischer Konkurrent, gegen den es zu bestehen gälte, um es mal nicht-kriegerisch auszudrücken. Das «kulturelle Erbe in Europa» kann man genauso spitzfindig als «europäisches Kulturerbe» lesen, also als identitätsstiftendes Element des Gesamtgebildes Europäische Union und nicht als lockere Kollektion unterschiedlichster, teils unverbundener nationaler Kulturerbschaften. Legitimiert wird die Lesart dadurch, dass Brüssel nicht müde wird, die herausragende Bedeutung der Kultur für die europäische Identität und das Unions-Projekt zu betonen.
Kulturelle Zusammenarbeit ist schön und gut. Das ist jetzt ganz ironiefrei gemeint. Sie hat aber ihren Preis. Sie verschiebt den Schwerpunkt des Kulturschaffens von der Stärkung nationaler Identität auf eine solche übernationaler Identität. Nationale Identität bedeutet in der Schweiz vor allem Kohäsion mit Blick auf die Sprachregionen oder noch feinere Körnungen lokaler Identitäten. Die Intensivierung der Europäischen Zusammenarbeit könnte damit zum Paradox führen, dass das Land sich verstärkt als Teil europäischer Identität versteht, dafür aber den inneren Zusammenhalt schwächt. Fragt sich, ob wir das wollen.
Eben, wir fragen ja nur.