von Wolfgang Böhler
27.06.2014 — Dank dem Ökonomen Richard Florida wissen wir, dass sich kreative Szenen bevorzugt dort bilden, wo die Toleranz gegenüber Homosexuellen besonders hoch ist und sich gesellschaftliche Subkulturen aufgrund eines offenen Klimas besonders frei entfalten können. Wenn solches zutrifft, dann ist das gut, und zwar nicht bloss aus wirtschaftlichen Gründen. Es ist in freien Gesellschaften, die wir uns alle wünschen, auch aus elementaren menschlichen Gründen gut. Alle sollen nach ihrer Façon selig werden können und dabei als Menschen uneingeschränkt respektiert werden. Es gibt weniger freie Gesellschaften, die eine solche Toleranz nicht in ihren Genen haben. In solchen Gemeinschaften machen Intellektuelle und Künstler nur Karriere, indem sie mehr oder weniger geschickt zwischen Opportunismus und dem Mut zur Individualität manövrieren. Manche haben Staatsdoktrinen und gesellschaftliche Dogemn auch so verinnerlicht, dass nicht zu entscheiden ist, ob Vorurteile und Engstirnigkeiten nun ihren eigenen Überzeugungen entspringen oder bloss ideologischem Pragmatismus.
27.06.2014 — Dank dem Ökonomen Richard Florida wissen wir, dass sich kreative Szenen bevorzugt dort bilden, wo die Toleranz gegenüber Homosexuellen besonders hoch ist und sich gesellschaftliche Subkulturen aufgrund eines offenen Klimas besonders frei entfalten können. Wenn solches zutrifft, dann ist das gut, und zwar nicht bloss aus wirtschaftlichen Gründen. Es ist in freien Gesellschaften, die wir uns alle wünschen, auch aus elementaren menschlichen Gründen gut. Alle sollen nach ihrer Façon selig werden können und dabei als Menschen uneingeschränkt respektiert werden. Es gibt weniger freie Gesellschaften, die eine solche Toleranz nicht in ihren Genen haben. In solchen Gemeinschaften machen Intellektuelle und Künstler nur Karriere, indem sie mehr oder weniger geschickt zwischen Opportunismus und dem Mut zur Individualität manövrieren. Manche haben Staatsdoktrinen und gesellschaftliche Dogmen auch so verinnerlicht, dass nicht zu entscheiden ist, ob Vorurteile und Engstirnigkeiten nun ihren eigenen Überzeugungen entspringen oder bloss ideologischem Pragmatismus.
In der freien Welt wird nicht zuletzt in den Kreativszenen äusserst empfindlich auf tatsächliche oder bloss mutmassliche Homophobie reagiert. Die Angst, die Freiräume, die vor allem hier geschaffen worden sind, zu verlieren, scheint gross. Die Verteidigungsbereitschaft ist berechtigt, denn auch hierzulande möchten viele das Rad immer wieder gerne zurückdrehen. Auf mutmassliche homosexuellenkritische oder gar ‑feindliche Äusserungen und ‑unterstützungen wird da sehr schnell und wirkungsvoll mit Shitstorms, Boykotten und schliesslich Auftrittsverboten reagiert, ohne dass differenzierte Abklärungen der Hintergründe und Motive von Beschuldigten abgewartet würden. Die Reaktionen können den Charakter von öffentlichen Schauprozessen annehmen, die von den Medien gedankenlos mitgetragen werden.
Wie momentan mit der georgischen Sängerin Tamar Iveri umgesprungen wird, ist sehr beunruhigend. Aus Hörensagen, selektiven Wahrnehmungen und Tunnelblicken wird eine Schnellaburteilung konstruiert, die für die talentierte Musikerin einer faktischen Karrierevernichtung gleichzukommen scheint. Es geht auch anders, wie das Beispiel der Debatte um Valery Gergiev in München gezeigt hat.
Das Thema Homosexualität dürfte gesellschaftlich beim Einstehen für eine freie Welt eine Schlüsselrolle spielen. Wenn in der ach so freien Welt aber aufgrund von öffentlicher Empörung und Polemiken und nicht aufgrund differenzierter Abklärungen und Diskussionen mit Anhörung aller Parteien Künstler vernichtet werden, dann zeigt sie eine ähnlich hässliche Fratze wie die Dikaturen, die sie zu überwinden glaubt.
Es ist zu hoffen, die freie Welt realisiert,dass sie doppelt auf dem Prüfstand steht: Einerseits im Ungang mit Homosexuellen und ihren selbstverständlichen Rechten, anderseits im Umgang mit Kritiken und Polemiken von Vertretern aus Ländern, in denen Homophobie entweder zur Staatsdoktrin (wie vermehrt in Russland) oder zur breiten religiösen Selbstverständlichkeit (wie in Georgien) gehört. Intoleranz bekämpft man nicht mit Vorverurteilung und gesellschaftlicher Lynchjustiz.