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Musik und Emotion I: Der Grosse Graben

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler11.07.2014 — Die Musikpsychologie und ‑therapieforschung hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen enormen Aufschwung genommen. Mehr und mehr zeichnet sich aber ab, dass für echte Fortschritte im Verständnis der Zusammenhänge von Musik, Emotionen und kognitiven Funktionen grundlegende Konzepte fehlen. Was sind Emotionen? Wie kann man die Wahrnehmung und Verarbeitung von Musik im Hirn formal so beschreiben, dass sie experimenteller Forschung fruchtbar zugänglich wird? Nicht zuletzt am zur Zeit laufenden Weltkongress  der Musiktherapie im österreichischen Krems (mehr darüber etwas später in einem Kongressbericht) wird der Ruf nach zeitgemässen Basistheorien der sozialen und wahrnehmungspsychologischen Musikerfahrung in verschiedensten Referaten laut. Der experimentelle Apparat für die Grundlagenforschung ist vorhanden, die neugierigen Forscherinnen und Forscher sind es ebenfalls, was den Experimentalpsychologen fehlt, sind Partner in der theoretischen Grundlagenarbeit.

 von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler11.07.2014 — Die Musikpsychologie und ‑therapieforschung hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen enormen Aufschwung genommen. Mehr und mehr zeichnet sich aber ab, dass für echte Fortschritte im Verständnis der Zusammenhänge von Musik, Emotionen und kognitiven Funktionen grundlegende Konzepte fehlen. Was sind Emotionen? Wie kann man die Wahrnehmung und Verarbeitung von Musik im Hirn formal so beschreiben, dass sie experimenteller Forschung fruchtbar zugänglich wird? Nicht zuletzt am zur Zeit laufenden Weltkongress  der Musiktherapie im österreichischen Krems (mehr darüber etwas später in einem Kongressbericht) wird der Ruf nach zeitgemässen Basistheorien der sozialen und wahrnehmungspsychologischen Musikerfahrung in verschiedensten Referaten laut. Der experimentelle Apparat für die Grundlagenforschung ist vorhanden, die neugierigen Forscherinnen und Forscher sind es ebenfalls, was den Experimentalpsychologen fehlt, sind Partner in der theoretischen Grundlagenarbeit.

 

Dafür wären an den Universitäten die Philosophen, Musikwissenschaftler, Linguisten, Musiktheoretiker und Emotionsforscher zuständig. Allerdings finden sich zu deren Arbeiten und Konzepten für die Musiktherapeuten keine Andockstellen. Das hat einerseits mit der Abneigung in den (deutschsprachigen) Geisteswissenschaften gegenüber empirischer Forschung zu tun (die noch aus der Blüte der Kritischen Theorie stammt), andererseits mit Konzeptionen der Emotionalität, die am besten als altaristokratisch bezeichnet werden können: Der Emotionsbegriff der Geisteswissenschaften ist Planeten entfernt von dem, was im Alltag als Emotionen verstanden wird und womit Psychologen und Musiktherapeuten arbeiten.

 

In der Musikphilosophie und Literaturwissenschaft sind Emotionen eine hochgradig wertbefrachtete und anspruchsüberladene Sache: Es gibt in ihrer Lesart die edlen Gefühle, die mittels Bildung geformt werden müssen, und es gibt die billigen Gefühle der Unterschichten, die plump, roh und ordinär sind.

 

Es gibt in der Musikwissenschaft auf der andern Seite kaum ein vageres Konzept als dasjenige der Expressivität. Die aus höfischer Tradition stammende Unsitte, das höchste der Gefühle in der elitären Geschmacksverfeinerung zu suchen, führt zu eklatanten Widersprüchen, vor allem zwischen dem Anspruch, mit der humanistischen Bildung eine allgemeine, moralisch gute Lebenshaltung anzubieten und dem exklusiven, letztlich bloss einem ganz kleinen Kreis von Spezialisten zugänglichen Anspruch, Musik «richtig» zu hören.

 

Ein erster Schritt weg davon wäre es, wenn Musikwissenschaftler und ‑philosophen die exponentiell wachsenden emprischen Daten der Neuromusikologen, Musikpsychologen und Musiktherapeuten zur Kenntnis nehmen würden und versuchen würden, empirisch fruchtbare theoretische Basismodelle zu Ihrer Erklärung zu entwickeln. Dies könnte auch für die stark angestaubten Geisteswissenschaften zu einem Vitalitätsschub führen.

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