von Wolfgang Böhler
20.09.2014 — Erstmals ist in der Schweiz auf Bundesebene ein Musikpreis verliehen worden. Er heisst «Grand Prix Musik», was doppelt unglücklich ist, weil sich zum einen das Sprachgefühl gegen die Verschwurbelung von Deutsch und Französisch sträubt (wieso nicht gleich «Grand Premio Musik»?) und sich unweigerlich die Assoziation zur Formel 1 und (zumindest in der Deutschschweiz) dem Grand Prix der Volksmusik ergibt. Für den Entscheid steht eine Jury, in der neben sprachminderheitlichen Quotenmitgliedern die üblichen Verdächtigen Einsitz gefunden haben: Graziella Contratto, Carine Zuber und Thomas Burkhalter gehören zum Inventar der Bundeskulturpolitik-Fachexperten und kennen sich aus dem früheren Pro-Helvetia-Stiftungsrat, stehen also nicht per se für vorwärtsgerichtete Strategien. Und Graziella Contrattos Versicherung in der offiziösen «Erklärung zu den Nominationen», dass die von der Jury nun nominierten Musiker und Musikerinnen «ausnahmslos mit dem Begriff der Innovation in Verbindung gebracht werden konnten» weist auf die übliche, mittlerweile selber der Innovation entbehrenden und zur Leerformel mutierten Begründung offizeller Förderpolitik hin.
20.09.2014 — Erstmals ist in der Schweiz auf Bundesebene ein Musikpreis verliehen worden. Er heisst «Grand Prix Musik», was doppelt unglücklich ist, weil sich zum einen das Sprachgefühl gegen die Verschwurbelung von Deutsch und Französisch sträubt (wieso nicht gleich «Grand Premio Musik»?) und sich unweigerlich die Assoziation zur Formel 1 und (zumindest in der Deutschschweiz) dem Grand Prix der Volksmusik ergibt. Für den Entscheid steht eine Jury, in der neben sprachminderheitlichen Quotenmitgliedern die üblichen Verdächtigen Einsitz gefunden haben: Graziella Contratto, Carine Zuber und Thomas Burkhalter gehören zum Inventar der Bundeskulturpolitik-Fachexperten und kennen sich aus dem früheren Pro-Helvetia-Stiftungsrat, stehen also nicht per se für vorwärtsgerichtete Strategien. Und Graziella Contrattos Versicherung in der offiziösen «Erklärung zu den Nominationen», dass die von der Jury nun nominierten Musiker und Musikerinnen «ausnahmslos mit dem Begriff der Innovation in Verbindung gebracht werden konnten» weist auf die übliche, mittlerweile selber der Innovation entbehrenden und zur Leerformel mutierten Begründung offizeller Förderpolitik hin.
Den ersten Grand Prix der Musik hat die Jury im Namen des Bundesamtes für Kultur (BAK) einem Musiker zugesprochen, der nicht vielen in der Schweiz etwas sagen dürfte, und der nicht zu den Grauen Eminenzen der tradierten Hochkultur gehört (er heisst Franz Treichler und ist Gründer der Gruppe Young Gods). Damit ist ein Pflock eingeschlagen: Der Schweizer Nationalpreis soll offenbar nicht an eine in die Jahre gekommene Instanz mit internationaler Ausstrahlung gehen (dann wäre die Medaille wohl einer Persönlichkeit wie Heinz Holliger, Charles Dutoit oder Dieter Meier umgehängt worden), sondern es sollen Kanten und Eigenständigkeit in der Jurierung markiert werden.
Ist der Entscheid gerecht? Nein, natürlich nicht. Ist das ein Problem? Nein, natürlich nicht, im Gegenteil. Öffentliche Kulturförderung kann aus Systemgründen nicht in Kategorien der Gerechtigkeit gemessen werden. Vielleicht lässt sich in zweihundert Jahren im Rückblick beurteilen, ob ein solcher Entscheid weise war oder nicht. Mehr liegt da nicht drin. Sowohl die Zusammensetzung der Jury als auch der Entscheid sind in Ordnung, weil die Verleihung eines Preises den grössten Mangel anderer Fördermassnahmen ‒ Stipendien, Förderbeiträge etc. ‒ ausschliesst: das Demütigungsritual einer Bewerbung von Kandidaten und Kandiatinnen und eine Beurteilung oft erstklassiger Künstler durch zumeist zweitklassige Kommissionsmitglieder. In Sachen nationaler Grand Prix Musik scheinen alle wichtigen Aspekte in Ordnung: die (eher verwaltungsüblich fantasielose) Zusammensetzung der Jury ist transparent, der Mut zum eigenständigen Entscheid ist spürbar, der Preis wird auch für die andern Nominierten genutzt, um Öffentlichkeit für ihr Wirken zu schaffen. Ein Wermutstopfen ist höchstens in letzterem: Musikerinnen und Musiker mit einer Nomination ausstellen, und sie letztlich sozusagen mit der Tatsache bewerben, dass sie einen Preis nicht erhalten, ist im Prinzip auch nicht gerade die feine Art.
Der Nationale Musikpreis findet sich auf der Plus-Seite der sich neu formierenden nationalen Kulturpolitik. Auf der Minus-Seite findet sich die Überfrachtung der Kulturpolitik in der Kulturbotschaft 2016-19 mit Begehrlichkeiten aus der Gesellschafts- und Sozialpolitik. Ähnlich wie sich Innovation nicht befehlen lässt, sondern sich zeigt (und sich nach Überzeugung der Jury im Falle des Preisträgers offenbar gezeigt hat), lassen sich Partizipation und Integration nicht befehlen. Auch sie würden sich natürlicherweise zeigen, wenn eine autonome Kulturpolitik autonome Wirkung entfalten könnte. Kulturpolitiker und -politikerinnen sollten sich ähnlich wie die Jury des Musikpreises für Eigenständigkeit ihrer Arbeit einsetzen und sich dagegen wehren, dass ihnen sachfremde Verantwortungen übertragen werden. Das wäre dann mal innovativ zu nennen.