von Wolfgang Böhler
03.10.2014 — Das 19. und 20. Jahrhundert waren in Sachen urbanes Kulturleben die Epoche der grossen bürgerlichen Institutionen Stadttheater, Museum und Konzertsaal. Es ist interessant zu sehen, dass sich diese hauptsächlich über statische Infrastrukturen definierte Kultur im 21. Jahrhundert gewandelt hat: Die Leuchttürme des urbanen Kulturlebens sind heute nicht mehr für die Ewigkeit erbaute Gebäude und Orchester, respektive Schauspielensembles mit Lebensarbeitszeit-Garantie und Pensionsanspruch, sondern dynamische, bildungsorientierte Konglomerate ‒ in erster Linie Kunst(-fach)hochschulen und Festivals. Die heutigen Ikonen der städtischen Kultur heissen nicht mehr Opernhaus (vielleicht ausser noch für ein paar ewiggestrige Repräsentanten der Hochfinanz), Tonhalle und Kunstmuseum, sie heissen Hochschule der Künste (ZHdK), Filmfestival (ZFF), Lucerne Festival oder je nach Ort gelabelte Festspiele.
03.10.2014 —
Das 19. und 20. Jahrhundert waren in Sachen urbanes Kulturleben die Epoche der grossen bürgerlichen Institutionen Stadttheater, Museum und Konzertsaal. Es ist interessant zu sehen, dass sich diese hauptsächlich über statische Infrastrukturen definierte Kultur im 21. Jahrhundert gewandelt hat: Die Leuchttürme des urbanen Kulturlebens sind heute nicht mehr für die Ewigkeit erbaute Gebäude und Orchester, respektive Schauspielensembles mit Lebensarbeitszeit-Garantie und Pensionsanspruch, sondern dynamische, bildungsorientierte Konglomerate ‒ in erster Linie Kunst(-fach)hochschulen und Festivals. Die heutigen Ikonen der städtischen Kultur heissen nicht mehr Opernhaus (vielleicht ausser noch für ein paar ewiggestrige Repräsentanten der Hochfinanz), Tonhalle und Kunstmuseum, sie heissen Hochschule der Künste (ZHdK), Filmfestival (ZFF), Lucerne Festival oder je nach Ort gelabelte Festspiele.
Der metaphysische Anspruch des Schönen, Wahren und Guten ist abgelöst worden durch das Bekenntnis zu sich ständig in Fluss befindlichem schöpferischem Geist, das Besitzen von Kunst durch die Auseinandersetzung mit kreativen Prozessen. Das Werk selber verliert an materiellem Wert (vielleicht ausser noch für ein paar ewiggestrige sammelwütige Parvenüs in der Bildenden Kunst), der Prozess gewinnt an ideellem Wert.
Die im Toni-Areal (einer früheren Grossmolkerei) neu installierte Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ist dafür ein deutliches Zeichen. Das Gebäude ist ein umgenutzter Industriekomplex, dessen Innenräume eher kahl wirken. Es wird interessant zu sein, wie sich die Musikerinnen, Tänzer, Filmerinnen und Bildenden Künstler darin emotional einrichten werden. Im besten Falle werden sie mangelnde Behaglichkeit und Wärme durch interdisziplinäre Dynamik wettmachen (Wir nehmen auch Wetten entgegen, wann die ersten Wände von den Nutzern autonom «gestaltet» werden).
Mit dem Zusammenzug der verschiedenen Sparten wird die ZHdK als solche sichtbar, was alleine Inspiration bedeutet. Das Areal und sein Umfeld mit Medienunternehmen, Kreativindustrie, Technopark, Theater, Kinos und Jazzclubs dürfte zum weit ausstrahlenden Symbol zeitgemässer Urbanität werden.
Nun müssen nur noch die Exponenten des Bürgertums, deren ideelle Vorfahren ihre eigenen Kulturtempel als Resultat stolzer ständischer Selbstdarstellung errichteten, sich bewusst werden, dass der Unterhalt solcher Brennpunkte genauso wenig eine Sache der Kapitalrentabilität ist.
Leider, leider hält nämlich die Entwicklung der bürgerlichen Ideologie mit der Dynamik des Kulturlebens nicht Schritt. Wo früher in der Politik engagierte Wirtschaftskapitäne und Visionäre sich bewusst waren, dass Innovation keine Frage der Rappenspalterei ist, sondern eine solche der richtigen Atmosphäre und der richtigen Infrastrukturen, erweisen sich heute faktische Berufspolitiker rechts der Mitte als gesellschaftlich und unternehmerisch ahnunglose Funktionäre. Diesen gegenüber muss man den Mut haben zu sagen: Eine Institution wie die ZHdK ist keine Frage der finanziell berechenbaren Nützlichkeit (auch wenn von ihr selbstverständlich betriebwirtschaftliche Vernunft erwartet werden darf), sondern eine Frage des weiten gesellschaftlichen Horizontes und des politischen Willens.