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Europa ist das Versailles von heute

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler17.10.2014 — Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) legt zur Zeit einen Schwerpunkt auf die Kultur des Barocks, aus nicht ganz ersichtlichen Gründen. Der allmächtige, allgütige, allergeschätzteste und höchlichst verehrte SRF-Denker und -Lenker Roger de Weck wird aber sicher wissen warum. Möglicherweise soll neben Landfrauenküche und Potzmusig auch das Lebensgefühl der urbanen Schickeria reflektiert werden, die sich eh ständig beklagt, schändlich verschmäht zu werden ‒ in den öffentlich-rechtlichen Medien, die lieber das Regional-Ländliche und das gemässigte Bildungsbürgertum betonen. In der Musik haben vor allem die Alte-Musik-Bewegung und geschickte Vermarkterinnen der Barocken Oper ‒ allen voran die erstaunlichen und zutiefst estimierten Damen Donna Leon und Cecilia Bartoli ‒ zu einem Boom geführt, der nicht zuletzt in der Finanzbranche gern gesehen wird, weil er das aristokratische Lebensgefühl der heutigen städtischen Parvenüs gegenüber dem republikanischen des ländlichen Plebs betont. Monarchistische Noblesse wertet auch den Wechselbänkler auf.

 von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler17.10.2014 — Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) legt zur Zeit einen Schwerpunkt auf die Kultur des Barock, aus nicht ganz ersichtlichen Gründen. Der allmächtige, allgütige, allergeschätzteste und höchlichst verehrte SRF-Denker und -Lenker Roger de Weck wird aber sicher wissen warum. Möglicherweise soll neben Landfrauenküche und Potzmusig auch das Lebensgefühl der urbanen Schickeria reflektiert werden, die sich eh ständig beklagt, schändlich verschmäht zu werden ‒ in den öffentlich-rechtlichen Medien, die lieber das Regional-Ländliche und das gemässigte Bildungsbürgertum betonen. In der Musik haben vor allem die Alte-Musik-Bewegung und geschickte Vermarkterinnen der Barocken Oper ‒ allen voran die erstaunlichen und zutiefst estimierten Damen Donna Leon und Cecilia Bartoli ‒ zu einem Boom geführt, der nicht zuletzt in der Finanzbranche gern gesehen wird, weil er das aristokratische Lebensgefühl der heutigen städtischen Parvenüs gegenüber dem republikanischen des ländlichen Plebs betont. Monarchistische Noblesse wertet auch den Wechselbänkler auf. 

 

Wie dem auch sei, eine Parallele zu heute dürfte vom SRF kaum gezogen werden: Der kulturbewusste westeuropäische Mittelstand benimmt sich heute gegenüber den aufstrebenden Schichten in den Entwicklungsländern ähnlich wie weiland der müssiggehende Adel gegenüber dem chrampfenden Volk.

 

Die saturierten Gebildeten hierzulande (die lieber Kulturwissenschaften, Byzantinische Kunst, Papyrologie ‒ das gibt’s! ‒ oder Genderstudies ‒ das gibt’s auch, aber dass wissen die Leser, Leserinnen und das lesende Publikum natürlich ‒ studieren als Bauingenieur oder Elektrotechniker zu werden) pflegen (unbewusst?) einen Dünkel gegenüber den «naiv optimistischen und zukunftsgläubigen» Emporkömmlingen in Indien, China oder Südafrika, die sich Gesundheit und Sozialleben ruinieren, um am Boom ihrer Länder teilzuhaben oder ihn gar mit anzutreiben.

 

Dabei häufen letztere allerdings ungleich mehr Lebenserfahrung und Selbst- und Sozialkompetenz an, als die vom Staat und der Gesellschaft mit grösstunendlicher Liebe um- und versorgtesten Bürger hierzulande, deren erstes Interesse der Frage «Wer bin ich (und wozu lasse ich mich nicht mehr herunter)?» zu gelten scheint. Westeuropa ist das Versailles der heutigen Welt, das seinen Agrarmarkt protektionistisch abschottet und den Ländern des Südens rät, doch Kuchen zu essen, wenn mal wieder kein Brot da ist.

 

So, das war jetzt ein echt barockes Editorial ‒ überladen, übertrieben, überdreht, überspannt, überhitzt, sinnlich-salbadernd und saumässig satirisch. Simplicius hätte seine Freude daran gehabt. Aber sicher. Trotzdem ist alles allerwahrhaftigst wahr, was da hurtig hingekritzelt worden ist. Wir schwören’s im Pluralis Majestatis. So wahr uns Gott helfe! (Wolfgangus fecit)             

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