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Veröffentliche Beiträge in “Editorials”

Korruption im Kulturbetrieb

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler18.09.2015 -- Korruption im Sport ist zur Zeit ein öffentlichkeitswirksames Thema. Soeben ist der internationale Fussballverband Fifa erneut erschüttert worden: Ihr Generalsekretär Jérôme Valcke ist aller Aufgaben enthoben worden, weil der Verdacht besteht, er habe beabsichtigt, sich an den Verkäufen von WM-Tickets zu bereichern (er bestreitet die Vorwürfe vehement). Die Ereignisse rund um die Fifa haben die Räte in der laufenden Session dazu bewogen, eine «Lex Fifa» unter Dach und Fach zu bringen. Damit wird Privatbestechung als Straftatbestand im Strafgesetzbuch aufgenommen. In schweren Fällen gilt diese künftig gar als Offizialdelikt.

Wo sind die Schweizer Kulturparteien?

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler21.08.2015 -- Die Schweiz wählt diesen Herbst ihr Parlament neu. Der Urnengang wird als Richtungswahl beschworen. Die grossen Themen sind das Verhältnis des Landes zur Europäischen Union, die Migrations- und Flüchtlingsströme und die Zukunft der Schweizer Wirtschaft angesichts des starken Frankens. Und die Kultur? Sie ist ‒ Politiker, die gewählt werden wollen, wissen das ‒ ein Nichtthema. Wer sich als Kulturpolitiker profiliert, kann sich die Hoffnung, zur ersten Garde ernstgenommener Parlamentarier gezählt zu werden, in den Kamin schreiben. Das hat auch damit zu tun, dass Kultur in der Schweiz kein politischer Problemfall ist. Die Kulturschaffenden sind hierzulande ähnlich privilegiert wie die Bauern: Hochsubventioniert, über ihre faktische gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung hinaus unter Heimatschutz gestellt. Und genauso wie mit Blick auf die Landwirtschaft ist dies mit Blick auf die Kultur nicht innovationsfördernd, sondern ‑hemmend und strukturerhaltend.

Kultur und Staat III: Kunst wird überschätzt

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler07.08.2015 – Laut der aktuellen Kulturbotschaft des Bundes ermöglicht Kultur dem Menschen, nicht nur «sich selbst und sein Umfeld zu verstehen und verständlich zu machen» sondern auch «Kreativität und Innovationskraft eines Staates» zu befördern. Das sind grosse Worte. Noch weiter gehen Selbstcharakterisierungen von Kulturschaffenden, die ihr Wirken als Seismograf oder Frühwarnsystem für gesellschaftliche und politische Entwicklungen oder als Gewissen der Gesellschaft verstehen. Das erinnert etwas an die Sterngucker im Mittelalter. Philosophen müssten mit Blick auf solche Ideen (genau gleich wie mit Blick auf den Begriff Innovation) von einem Kategorienfehler sprechen. Werden Kunstwerke als politische Aussagen verstanden oder genutzt, verlieren sie ihren Status als Kunstwerk. In der Regel implodieren sie in diesem Fall zu einer mehr schlechten als rechten, in der Regel aber von Vorurteilen und Inkompetenzen geprägten Wirklichkeitsanalyse.

Kultur und Staat II: Public-Private Partnership

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler27.07.2015 -- Public-Private Partnerships (PPP) werden seit einiger Zeit als ein Mittel betrachtet, in der Kulturfinanzierung die öffentlichen Haushalte zu entlasten. Die Idee stammt historisch nicht aus der Branche. Ursprünglich waren sie gedacht, um damit allgemeine Infrastrukturen zu stemmen. Die wichtigsten davon waren Löcher in der Erde: der Eurotunnel und die Londoner U-Bahn ‒ beides ziemliche finanzielle Desaster. Es zeigt, dass Private keineswegs sogfältiger mit dem eigenen Geld umgehen als der Staat mit eingetriebenen Steuern, auch wenn dies Konservative immer wieder glauben machen wollen. In der Schweiz sind PPP ausserhalb der Kultur noch relativ rar, immerhin wird vom kantonalen Verwaltungszentrum über Stadien (Bern Neufeld und Neuenburg), Kliniken und Pflegeheime bis zum Zürcher Veloverleihsystem doch schon einiges in solchen Koproduktionen realisiert.

Kultur und Staat I: Es ist kompliziert

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler10.07.2015 -- Bei Facebook gibt es einen Partnerschaftsstatus «Es ist kompliziert». Das trifft ziemlich genau das Verhältnis von Kultur und Staat. Da droht schnell mal die Terrible Simplification. Man kann versuchen, es rechts-populistisch zu vereinfachen: Der Staat soll sich nicht in die Kultur einmischen, denn echte Kultur setzt sich im Markt durch und öffentliche Kulturförderung produziert bloss Staatskünstler, die zwar von allen gehätschelt werden, aber bloss verschwurbelte, selbstreferentielle Kunst hervorbrösmeln. Das ist natürlich ein polemisches Zerrbild der tatsächlichen Verhältnisse. Aber auch linke Rechtfertigungen der öffentlichen Kulturförderung haben blinde Flecken. Kultur fördere etwa den so wichtigen gesellschaftlichen Zusammenhalt, beteuern linke Kulturpolitiker. Kaum einer fragt nach, ob dies tatsächlich der Fall ist. Es ist es eher nicht. Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht durch Wirtschaft und Sport. Kulturelle Identitäten grenzen sich ab.

TTIP und das Ende des europäischen Kulturverständnisses

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler27.06.2015 – Die Musikräte der Schweiz, Deutschlands und Österreichs wenden sich gemeinsam gegen die als Bedrohung empfundenen Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit den USA (abgekürzt «TTIP»), welches das Selbstverständnis der europäischen Kultur in den Grundfesten erschüttern könnte. Auf den Punkt bringt der gemeinsame Forderungskatalog der Musikräte das Unbehagen folgendermassen: Aus Sicht der USA seien Kultur und Medien reguläre Handelsprodukte, die möglichst frei am Markt zirkulieren sollten. Staatliche Fördermassnahmen würden aus dieser Perspektive als wirtschaftspolitisch motivierter Protektionismus erscheinen, der den freien Handel beschränke. Demgegenüber zähle es zum europäischen Selbstverständnis, Kultur nicht auf ihren Warencharakter zu reduzieren, sondern ebenso als Trägerin gesellschaftlicher Werte und Identitäten sowie ästhetischer Positionierungen aufzufassen. Daraus leitet sich nach Ansicht der Musikräte die Verantwortung des Staates ab, eine Vielfalt an Kultur zu ermöglichen – «jenseits des Diktates des jeweils aktuellen Publikumsgeschmackes oder der Interessen von Investoren».

Religiöse Musik in der Schule

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler12.06.2015 – Auf den ersten Blick wirkt’s wie ein Schildbürgerstreich: Die Stadtgenfer Schulbehörde Direction de l’enseignement obligatoire (DGO) verbietet die Mitwirkung von fünf- bis siebenjährigen Primarschülern in einer Aufführung von Brittens Noah's Flood. Das Vorhaben verstösst nach Überzeugung der Genfer Verwaltung gegen die laizistischen Grundprinzipien der Stadt. Sie hat damit ein Projekt des Genfer Kammerorchesters torpediert. Der Entscheid bringt ein generell heikles Thema an die Oberfläche: Staatliche Schulen müssen irgendwie damit zurechtkommen, dass Religion ein Zwitterwesen ist aus einerseits Weltanschauung und andererseits personaler und sozialer Identität.

Streaming und Downloads auf dem Vormarsch

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler29.05.2015 -- In Sachen physische Tonträger mutet die Situation mittlerweile absurd an: Sie haben ihren Ereignischarakter praktisch vollständig verloren, und Geld lässt sich damit keines mehr verdienen. Glücklich ist, wer sie einspielen kann, ohne dabei allzu grosse Verluste einzufahren. Dennoch ist die Produktion eines Tonträgers für Musiker nach wie vor unverzichtbar, ja wichtiger denn je. Erwartet werden CD von Agenturen und Veranstaltern. Künstler und Gruppen, die keine Tonträger und idealerweise Rezensionen dazu vorlegen können, werden weniger gebucht. Das Renommee der CD erinnert damit ein wenig an die Grinsekatze in Alice in Wonderland: Sie verschwindet körperlich nach und nach, bis bloss noch ihr Grinsen übrigbleibt. Auch die Tonträger sind körperlich verschwunden. Bloss noch ihre (Phantom-)Funktion als Relevanzzeuge ist geblieben.

Wer bestimmt den BAK-Musikpreis-Gewinner?

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler

16.05.2015 – Das Bundesamt für Kultur (BAK) wählt zum zweiten Mal einen Empfänger (oder eine Empfängerin) des neugeschaffenen Schweizer Musikpreises. Es verteilt dabei ziemlich viel Geld, je 25‘000 Franken für eine Nomination. Bei 15 Nominierten sind dies 375‘000 Franken, wenn wir richtig gerechnet haben. Schon die Anerkennung einer Nomination ist damit höher dotiert als so manche andere gutbestallte Auszeichnung der Branche. Der Gewinner erhält mit 100‘000 Franken ungewöhnlich viel ins Kässeli, sogar im internationalen Vergleich (davon fliesst in Form von Steuern dann vermutlich wieder einiges zurück in die Staatsschatullen). International halten da bloss etwa der schwedische Polarpreis, der israelische Wolf-Preis, der amerikanische Grawememeyer Award, der japanische Praemium Imperiale und der neugeschaffene Warner-Music-Preis in vergleichbarer Höhe mit. Bloss der Ernst-von Siemens-Musikpreis (eine Viertelmillion Euro) setzt noch einen drauf. In der Schweiz können sich einen  solchen Geldsegen gerademal die Bernburger mit ihrem ebenfalls mit 100‘000 Franken dotierten Kulturpreis leisten.

Minenfeld Musikergagen

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler01.05.2015 – Zum Tag der Arbeit: Musikergagen sind ein Minenfeld für alle, die mit dem Betrieb wenig vertraut sind (und für die, die damit vertraut sind, auch, also eigentlich für alle). Wer öffentlich Jobs anbietet, die mikrig bezahlt werden, muss mit Shitstorms rechnen ‒ von seiten der Musikergewerkschaften und -verbände und von Musikern. Wer fern von kulturellen Netzwerken Konzerte zu Tarifen veranstalten will, die den Tarifvorstellungen der Verbände entsprechen, kann häufig rechnen wie er will, seine Budgets werden am Schluss rot aussehen, es sei denn, er oder sie gehören zu irgendwelchen Inner Circles, die irgendwo irgendwelche grosszügigen Sponsoren- und Mäzenengelder abholen können.