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Veröffentliche Beiträge in “Editorials”

Musik als eigenständiges Schulfach

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler17.04.2015 -- Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch hat angekündigt, dass in den Schulen des Landes Musik künftig als eigenständiges Fach ab der ersten Klasse unterrichtet werden soll. Da staunen wir. Mit dem Blick aus der Schweiz ‒ wir sind mit den Verhältnissen in Süddeutschland nicht wirklich vertraut und wissen nicht, ob man bei dieser Meldung auch zwischen den Zeilen lesen müsste ‒ sehen wir in der Ankündigung ein veritables Tauwetter. Geht es um die musikalische Bildung, setzen wir uns seit jeher konsequent dafür ein, dass mindestens Notenlesen und Singen als das anerkannt werden, was sie unserer Meinung nach sind: elementare Kulturtechniken auf Augen (oder Ohren-)höhe mit Lesen, Schreiben und Rechnen, die entsprechend sorgfältig gelehrt werden müssen.

Traditionelle Orchester in Bedrängnis

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler03.04.2015 -- In ganz Westeuropa sind traditionelle, staatlich subvenionierte Orchester in Bedrängnis. Die SWR-Ensembles sind zur Fusion gezwungen worden, den Pariser Radioorchestern könnte ähnliches blühen. In den Niederlanden und andern Ländern werden einige in Frage gestellt. Man könnte meinen, von den Schweizer Sinfonieorchestern sei etwas Druck genommen, haben sie doch eine Phase der Kontroversen und Reoganisationen bereits hinter sich, in St. Gallen, Luzern, Basel, Bern und Lugano sind die Strukturen revidiert worden, schwierige Zeiten hat auch das Musikkollegium Winterthur hinter sich, das mittlerweile im neuen Kulturleitbild der Stadt wieder mit der Unterstützung der Politik rechnen darf.

Die Kultur in der Mehrzweckhalle

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler20.03.2015 -- Das urbane Kulturleben wird gerne mit waghalsigen Bauten renommierter Architekten sichtbar gemacht. Es ist ein Statement: Die Stadt versteht sich als Ort kühner Innovation, als zukunftsgerichtet und innovativ, mit einer Kultur, die sich als revolutionär, provokativ und als Gegenentwurf zum Alltag versteht. Die Mehrzweckhallen ländlicher Dorfgemeinschaften gelten hingegen als wenig einladende Verkörperung kleinbürgerlicher Biederkeit. In ihnen trainiert die Damenriege, und das Muki-Turnen hat genauso Platz wie samstags eine thailändische Hochzeit oder sonntags der jährliche Unterhaltungsabend des Akkordeonorchesters.

Die Zukunft der Musik

 von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler20.02.2015 – Jeder, der beruflich mit Musik zu tun hat, merkt’s, die Zeiten haben sich geändert. Die Ereignishaftigkeit aktuellen Schaffens, sei es neuer Musik (und Neuer Musik), Konzertformen, Medien, Filme oder Texte ist verloren gegangen. Ein Grund sein dafür dürften die geänderten Motive der Produktion. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein stillte die aktuelle Produktion tatsächliche Bedürfnisse, sie lieferte Musik für Feste und Feiern, für Neugierige auf Neues, sie befriedigte Sehnsüchte und sie versorgte unzählige aktive Musikliebhaber mit Haus-, Chor- Orchester- und Blasmusik. Auf Neuerscheinungen wartete man monatelang mit froher Erwartung und Spannung. Konzertkritiken waren Stadtgespräch (oder auch bloss ‑ärgernis), musikalische Ereignisse wurden an Stammtischen diskutiert. Kurzum: Triebfeder der musikalischen Produktion waren soziale Bedürfnisse.

Mehr Pädagogik im Konzertbetrieb

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler23.01.2015 -- Die jüngste Konzertstatistik der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) zeigt, dass Musikvermittlungsangebote in Deutschland stark zugenommen haben: «In der Saison 2013/14», schreibt die DOV, «gab es 4160 Konzerte und Musikvermittlungsangebote für Kinder und Jugendliche». Das seien 94 Prozent mehr als vor zehn Jahren ‒ im Vergleich zur letzten Erhebung 10,8 Prozent. Insgesamt sei eine Verschiebung von Sinfoniekonzerten zu mehr Angeboten für Kinder und Jugendliche zu beobachten. In der Schweiz dürften die Zahlen ähnlich aussehen. Gerald Mertens, der Geschäftsführer der DOV, vermerkt die Entwicklung mit Stolz. Es zeige, wie ernst Orchester die Bildungsarbeit nähmen, lässt er sich in der offiziellen Pressemitteilung der DOV zur Statistik zitieren.

Ich bin Charlie ‒ was tue ich?

von Wolfgang Böhler

Porträt Wolfgang Böhler09.01.2015 -- Mit grosser Bestürzung habe auch ich den brutalen Überfall auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo und die sinnlose, barbarische Ermordung mutiger Journalisten, Polizisten, eines Raumpflegers und einer Psychoanalytikerin miterlebt. Die Tat trifft ins Mark und zwingt zu Überlegungen, was dies für uns Berufskollegen bedeutet. Es ist unbestritten: Man muss die Meinungsäusserungsfreiheit unbedingt verteidigen. Wie weit es möglich ist, tabubrechende, verstörende, verärgernde und repektlose Texte und Bilder zu veröffentlichen ‒ das ist und bleibt der Gradmesser für das Mass der Freiheit und Offenheit einer Gesellschaft. Konsequenzen haben darf satirische Schärfe höchstens in Form von Gerichtsfällen. Da wird die staatspolitische Verantwortung der rechtlichen Beurteilung dem Rechtsstaat übertragen. Die Attentate von Paris fordern deshalb zwei Grundpfeiler eines funktionierenden demokratischen Staatswesens heraus: die offene, tabufreie Debatte aller Aspekte des menschlichen Lebens und die Übertragung der Rechtssprechung und ‑durchsetzung an den demokratisch kontrollierten Staat. Beides sollte selbstverständlich sein.

Musiker aus Drittstaaten in der Schweiz

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler12.12.2014 -- Daniel Stolz, freisinnig-liberaler Nationalrat der Stadt Basel, hat vor einigen Tagen in seinem Rat eine Interpellation eingereicht. Er will wissen, wie viele Kunstschaffende aus Drittstaaten in den letzten Jahren eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz erhalten haben, welchen Einfluss die vom Bundesrat kürzlich beschlossene Kürzung der Drittstaatenkontingente hat und ob Absolventinnen und Absolventen Schweizer Hochschulen mit einer erfolgreichen Karriere und regelmässigen Kunstprojekten in der Schweiz Wohnsitz in der Schweiz nehmen können. Stolz fragt sich, ob in diesem Bereich allenfalls eine Regelungslücke besteht.  Motiviert ist die Interpellation von den jüngsten Entwicklungen in  Basel, wo formal allzu salopp Aufenthaltsbewilligungen für Musiker aus Drittstaaten erteilt worden sind und einige nun damit rechnen müssen, diese zu verlieren.

Kulturbotschaft des Bundes: das fehlende Glied

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler28.11.2014 -- Allseits ‒ sogar von bürgerlichen Kreisen ‒ wird die Kulturbotschaft des Bundes für die Jahre 2016 bis 2020 gelobt. Vor allem was die Übertragung von Aufgaben der gesellschaftlichen Integration und Partizipation auf die Kulturpolitik angeht. Wir sind in Sachen Koppelung von sozialen und kulturellen Aufgaben weitaus skeptischer, das ist aber nicht der Schwachpunkt, den wir in der Botschaft hauptsächlich sehen. Was uns beschäftigt, ist vielmehr, dass sie dem Kernproblem der Kulturförderung aus dem Weg geht. Schlimmer noch: Niemand scheint sich wirklich bewusst zu sein, dass ein solches vorliegt. Dieser Mangel an Problembewusstsein ist freundlich ausgedrückt Folge eines unreflektierten Rückgriffs auf traditionelle und angestaubte Kulturkonzepte der Linken. Weniger freundlich ausgedrückt ist es Folge der Denkfaulheit in der bürgerlichen Politik. Da scheint sich niemand grundlegende systematische Gedanken machen zu wollen, was Kulturpolitik eigentlich ist und welche Umsetzungsprobleme für allfällige liberale Förderstrategien sich daraus allenfalls ergäben.

Die SBB als Konzertticket-Verkäufer

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang BöhlerWas haben die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) mit der Preispolitik für Konzerteintritte zu tun, und weshalb muss sich der Bundesrat damit beschäftigen? Die SBB haben Schalter, und an Schaltern verkauft man Billette, und «Billette» kann man weiterfassen als bloss mit Blick auf individuelle Reisewünsche. Man kann Schalter eben auch zur Ausgabe von Eintritten für Konzerte (und andere Events) nutzen und damit einen Zusatzverdienst erzielen. Der Bundesrat muss sich damit beschäftigen, weil er zum Thema befragt worden ist ‒ von der St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter. Weil die SBB  bis Ende 2013 mit verschiedenen Ticketing-Anbietern im Eventbereich gearbeitet hat (nämlich mit Ticketcorner, Ticketportal, und Starticket), und sich heute auf eine Zusammenarbeit mit Ticketcorner beschränkt. Frau Keller-Sutter hat von unserer Landesregierung unter anderem wissen wollen,  ob «im Sinne eines kundenfreundlichen Service Public eine solche Einschränkung des Angebots» und ob die Situation im Sinne eines freien und fairen Wettbewerbs» nicht problematisch sind. Immerhin habe die exklusive Zusammenarbeit der SBB mit dem Marktführer grosse Auswirkungen auf den Ticketingmarkt.