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Veröffentliche Beiträge in “Editorials”

Abgetaucht statt versunken

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler31.10.2014 -- Generation Fahrig: Der Nachwuchs hängt am Smartphone wie an einer Infusionsflasche. Ist es mal offline, droht der Kollaps. Videos (mit - oder Wäh-Effekt) in Zweiminuten-Häppchen konsumiert, rasch ein Like gesetzt, durch die zwanzig lustigsten Ausrutscher geklickt, nächstes Thema. Noch ein Facebook-Eintrag kommentiert, im Vorübergehen eine Online-Petition zum Tierschutz oder gegen die Ungerechtigkeit der Welt unterschrieben (man ist ja politisch engagiert), nächstes Thema… Zwar machen sie alle einen in sich versunkenen Eindruck, wenn sie krass konzentriert auf ihre Bildschirmchen starren. Sind sie aber nicht, eher abgetaucht. Der Welt abhanden gekommen. Allerdings ohne die Poesie Rückerts. Des Knaben Wunderhorn heute: ein iPhone.

Europa ist das Versailles von heute

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler17.10.2014 -- Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) legt zur Zeit einen Schwerpunkt auf die Kultur des Barocks, aus nicht ganz ersichtlichen Gründen. Der allmächtige, allgütige, allergeschätzteste und höchlichst verehrte SRF-Denker und -Lenker Roger de Weck wird aber sicher wissen warum. Möglicherweise soll neben Landfrauenküche und Potzmusig auch das Lebensgefühl der urbanen Schickeria reflektiert werden, die sich eh ständig beklagt, schändlich verschmäht zu werden ‒ in den öffentlich-rechtlichen Medien, die lieber das Regional-Ländliche und das gemässigte Bildungsbürgertum betonen. In der Musik haben vor allem die Alte-Musik-Bewegung und geschickte Vermarkterinnen der Barocken Oper ‒ allen voran die erstaunlichen und zutiefst estimierten Damen Donna Leon und Cecilia Bartoli ‒ zu einem Boom geführt, der nicht zuletzt in der Finanzbranche gern gesehen wird, weil er das aristokratische Lebensgefühl der heutigen städtischen Parvenüs gegenüber dem republikanischen des ländlichen Plebs betont. Monarchistische Noblesse wertet auch den Wechselbänkler auf.

Die ZHdK als Zürcher Leuchtturm

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler03.10.2014 -- Das 19. und 20. Jahrhundert waren in Sachen urbanes Kulturleben die Epoche der grossen bürgerlichen Institutionen Stadttheater, Museum und Konzertsaal. Es ist interessant zu sehen, dass sich diese hauptsächlich über statische Infrastrukturen definierte Kultur im 21. Jahrhundert gewandelt hat: Die Leuchttürme des urbanen Kulturlebens sind heute nicht mehr für die Ewigkeit erbaute Gebäude und Orchester, respektive Schauspielensembles mit Lebensarbeitszeit-Garantie und Pensionsanspruch, sondern dynamische, bildungsorientierte Konglomerate ‒ in erster Linie Kunst(-fach)hochschulen und Festivals. Die heutigen Ikonen der städtischen Kultur heissen nicht mehr Opernhaus (vielleicht ausser noch für ein paar ewiggestrige Repräsentanten der Hochfinanz), Tonhalle und Kunstmuseum, sie heissen Hochschule der Künste (ZHdK), Filmfestival (ZFF), Lucerne Festival oder je nach Ort gelabelte Festspiele.

Ein nationaler Musikpreis und die Irrtümer der Kulturpolitik

von Wolfgang Böhler

Porträt Wolfgang Böhler20.09.2014 -- Erstmals ist in der Schweiz auf Bundesebene ein Musikpreis verliehen worden. Er heisst «Grand Prix Musik», was doppelt unglücklich ist, weil sich zum einen das Sprachgefühl gegen die Verschwurbelung von Deutsch und Französisch sträubt (wieso nicht gleich «Grand Premio Musik»?) und sich unweigerlich die Assoziation zur Formel 1 und (zumindest in der Deutschschweiz) dem Grand Prix der Volksmusik ergibt. Für den Entscheid steht eine Jury, in der neben sprachminderheitlichen Quotenmitgliedern die üblichen Verdächtigen Einsitz gefunden haben: Graziella Contratto, Carine Zuber und Thomas Burkhalter gehören zum Inventar der Bundeskulturpolitik-Fachexperten und kennen sich aus dem früheren Pro-Helvetia-Stiftungsrat, stehen also nicht per se für vorwärtsgerichtete Strategien. Und Graziella Contrattos Versicherung in der offiziösen «Erklärung zu den Nominationen», dass die von der Jury nun nominierten Musiker und Musikerinnen «ausnahmslos mit dem Begriff der Innovation in Verbindung gebracht werden konnten» weist auf die übliche, mittlerweile selber der Innovation entbehrenden und zur Leerformel mutierten Begründung offizeller Förderpolitik hin.

Mutloser Schweizer Fachverband für Musiktherapie

von Wolfgang Böhler

Porträt Wolfgang BöhlerDer Vorstand des Schweizerischen Fachverbandes für Musiktherapie (SFMT) entschuldigt sich bei einer Referentin über den angeblich «unachtsamen Umgang in Bezug auf die Veröffentlichung» eines kritischen Berichtes über ihren Vortrag an einer Fachtagung in der Rehaklinik Bellikon (siehe Codex-flores-Nachricht) und den ihr in diesem Zusammenhang angeblich «entstandenen Schaden». Die entsprechende Unterlassungerklärung ist vom SFMT-Vorstand aufgrund einer anwaltlichen Klagedrohung im Eiltempo verschickt worden, ohne dass ich als Autor des Berichtes oder die Klinik Bellikon als Veranstalterin der Tagung davon Kenntnis gehabt hätten. Der SFMT-Vorstand hat der betroffenen Referentin überdies eine Aufwandentschädigung bezahlt. Auf meine Bitte, über die gleichen Kanäle zu der Sache differenziert und in etwa demselben Umfang wie die Unterlassungserklärung Stellung nehmen zu dürfen, hat sich der SFMT-Vorstand viel Zeit genommen. Ich habe die Bitte anfang August geäussert und nun anfang September auf Nachfrage eine abschlägige Antwort erhalten. Der SFMT-Vorstand beschränkt sich auf eine Minimalstvariante, im Prinzip um Gegendarstellungsrecht Genüge zu tun. Man kann dies nur als (schwer verständliche) Parteinahme für die betreffende Referentin deuten.

Musik und Emotion II: Zu viel Musik

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler25.07.2014 -- Wenden wir uns einer immer häufiger gestellten Frage zu: Gibt es heute zuviel Musik? Die Antwort ist etwas komplizierter, als man auf den ersten Blick meinen könnte, ist aber, selbst wenn man eine etwas weniger einfache Sicht der Welt hat, ebenso einfach (und richtig!): Nein. Nicht weniger ist mehr, wenn es um Musik geht, mehr ist mehr. Es kann gar nicht genug Musik geben. Betrachtet man die Dinge etwas differenzierter, muss man unterscheiden zwischen dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage und der Frage nach der experimentellen Vielfalt, die Musik lebendig erhält. Dazu muss zunächst ein fundamentales Missverständnis ausgeräumt werden: Musik ist keine Anhäufung von Dingen, die abgezählt werden können und deren Zahl mit der Menge der Nachfrage verglichen werden könnte, auch wenn das die Opus-Epoche der Musikgeschichte suggeriert. Musik ist ein Massenterminus wie Wasser, Rot, Nahrung oder Liebe.

Musik und Emotion I: Der Grosse Graben

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler11.07.2014 -- Die Musikpsychologie und ‑therapieforschung hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen enormen Aufschwung genommen. Mehr und mehr zeichnet sich aber ab, dass für echte Fortschritte im Verständnis der Zusammenhänge von Musik, Emotionen und kognitiven Funktionen grundlegende Konzepte fehlen. Was sind Emotionen? Wie kann man die Wahrnehmung und Verarbeitung von Musik im Hirn formal so beschreiben, dass sie experimenteller Forschung fruchtbar zugänglich wird? Nicht zuletzt am zur Zeit laufenden Weltkongress  der Musiktherapie im österreichischen Krems (mehr darüber etwas später in einem Kongressbericht) wird der Ruf nach zeitgemässen Basistheorien der sozialen und wahrnehmungspsychologischen Musikerfahrung in verschiedensten Referaten laut. Der experimentelle Apparat für die Grundlagenforschung ist vorhanden, die neugierigen Forscherinnen und Forscher sind es ebenfalls, was den Experimentalpsychologen fehlt, sind Partner in der theoretischen Grundlagenarbeit.

Die freie Musikwelt und die Rechte der Homosexuellen

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler27.06.2014 -- Dank dem Ökonomen Richard Florida wissen wir, dass sich kreative Szenen bevorzugt dort bilden, wo die Toleranz gegenüber Homosexuellen besonders hoch ist und sich gesellschaftliche Subkulturen aufgrund eines offenen Klimas besonders frei entfalten können. Wenn solches zutrifft, dann ist das gut, und zwar nicht bloss aus wirtschaftlichen Gründen. Es ist in freien Gesellschaften, die wir uns alle wünschen, auch aus elementaren menschlichen Gründen gut. Alle sollen nach ihrer Façon selig werden können und dabei als Menschen uneingeschränkt respektiert werden. Es gibt weniger freie Gesellschaften, die eine solche Toleranz nicht in ihren Genen haben. In solchen Gemeinschaften machen Intellektuelle und Künstler nur Karriere, indem sie mehr oder weniger geschickt zwischen Opportunismus und dem Mut zur Individualität manövrieren. Manche haben Staatsdoktrinen und gesellschaftliche Dogemn auch so verinnerlicht, dass nicht zu entscheiden ist, ob Vorurteile und Engstirnigkeiten nun ihren eigenen Überzeugungen entspringen oder bloss ideologischem Pragmatismus.

Schämen, Fremdschämen und Musizieren

von Wolfgang Böhler

Ein Wort geistert vermehrt durch die Medien, vor allem mit Blick auf die Sozialen Medien und ihre teils sonderbaren Gepflogenheiten der Kommunikation. Der Drang zu Mitteilung auch banalster Ereignisse und Handlungen provoziert immer häufiger Fremdschämen. Es scheint sich um eine neue Form pubertärer, lustvoll-schauriger und voyeuristischer Freude an einer Grenzüberschreitung zu handeln, wie sie früher skurrile Streiche unter Pfadfindern oder Blossstellungen in Schulklassen repräsentierten. Zum neuen Trend passt der unter Jugendlichen in Mode gekommene Ausdruck «Opfer» als herabsetzender Spottausdruck für Schwächere in der Gruppe. Auf der andern Seite scheinen Heranwachsende in ihrem Selbstdarstellungsdrang auf Plattformen wie Instagram, Whatsapp oder Facebook die Grenzen des Schicklichen (ja, ja, das ist ein braves und altertümliches Wort) häufig nicht mehr intuitiv richtig zu setzen.

Das SRF und seine Kultursendungen

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler30.05.2014 -- Wir outen uns hier somit als ewiggestrige Langweiler (schon nur durch den anbiedernden Anglizismus). Wir schauen gerne in die Röhre, die heute allerdings keine mehr ist, sondern vielmehr eine dünne Wand mit Internetanschluss, und wir freuen uns über das überaus reiche Kulturangebot auf unzähligen Kanälen. Wir staunen auf Sendern wie BR-alpha über jahrzehntealte, unscharfe und (technisch) über- oder unterbelichtete Belehrungen Joachim Kaisers zu Opernklassikern, vergessen die Zeit ob klugen Gesprächen in billig improvisierten Museumsfundusdekors zwischen dem Physiker Harald Lesch und dem Philosophen Wilhelm Vossenkuhl, wir können uns nicht sattsehen an den zahllosen Konzertmitschnitten, die uns Arte zur Zeit zur Verfügung stellt (lassen Sie sich den sensationellen Mitschnitt eines Konzertes des Jazzgeigers Didier Lockwood mit Grössen wie Patricia Petibon, Vadim Repin und Bireli Lagrene im Théâtre du Châtelet nicht entgehen!).